Über

Nach dem Spiel, wenn ich aus meinem Rollstuhl aufstehe, staunen viele Zuschauer.  Ich versuche sportliche Inklusion zu leben: Mein Handicap ist vergleichsweise gering – der Rollstuhl  für mich als „Fußgänger“ ist mehr als nur ein Sportgerät. Es ist eine neue Welt, die ich entdecken konnte – dank des Rollstuhls. Dabei ist der Weg das Ziel , wobei die Freude am Sport im Vordergrund stehen soll.


Mir sind diese erstaunten Blicke bekannt, wenn ich nach einem Spiel aus meinem Rollstuhl steige. Ja, er läuft! Auf den eigenen zwei Beinen. Nein, er ist nicht gehbehindert, wie man zunächst annehmen müsste. Viele Zuschauer wundern sich, sie glauben, man müsste ein Handicap haben, um Rollstuhlbasketball oder Racing zu betreiben. Aber ganz so ist es nicht. Im Rollstuhlbasketball muss man zwar keine Behinderung haben, um mitspielen zu dürfen. An den Paralympics teilnehmen darf indes nur, wer tatsächlich ein Handicap hat – und sei es nur ein ‚Minimal Handicap’ wie im Rollstuhlbasketball. So beispielsweise in meinem Falle, da ich eine Arthrose habe, und damit einen vorzeitigen Verschleiß knorpeliger Gelenkflächen des Kniegelenks. Aber: Im Alltag bin ich nicht auf eine Fortbewegungshilfe angewiesen. Der Rollstuhl ist mein Sportgerät, das ist alles.

Aber warum setze ich mich für meinen Sport in einen Rollstuhl? Ganz einfach,
ich habe schon immer Sport getrieben, früher gerne Basketball gespielt und Ausdauersport betrieben bis ich einen Sportunfall hatte. Kreuzband, Miniskus, Knorpel und Kniescheibe waren sehr schwer in Mitleidenschaft gezogen worden. Gehen ja, zum Glück ein normales Leben führen können. Aber eben keinen Ligenbasketball mehr spielen. Drehungen, Springen, schnelle Schritte – das geht nicht.

Ich war zur Reha in einer Klinik in Murnau und stieß dort auf ein Rollstuhlbasketball-Team. Ich hatte früher schon häufiger bei den Rollis zugeschaut, aber nicht geahnt, dass die Technik derart andersartig sein würde. Man benötigt als Spielerin eine ungleiche Körperbeherrschung, eine andere Koordination. Man braucht die Hände nicht nur, um den Ball zu fangen und in den Korb zu werfen, sondern mehr noch dazu, den Stuhl zu puschen oder zu stoppen. So habe ich angefangen. Das war für mich wahnsinnig wichtig, gleich wieder aktiv zu sein. Das Schöne bei diesem Sport ist, dass es fast keine Sportart gibt, in der behinderte- und nicht behinderte Menschen so gut gemeinsam spielen können. Man muss sich vorstellen, der Rollstuhl ist einfach ein Sportgerät. Tennisspieler brauchen einen Schläger, Läufer Laufschuhe, wir den Rollstuhl. Das Tolle dabei ist: Sobald wir im Sportrollstuhl sitzen, sind wir alle gleich. Völlig egal, ob man querschnittsgelähmt oder gesund ist. Jeder kann mit jedem konkurrieren.

Aller Anfang war schwer. Erst einmal den Rollstuhl beherrschen zu lernen, Kondition antrainieren und das richtige Handling. Es geht nicht nur ums Basketball spielen, sondern auch ums Rollstuhlfahren. Das bedeutet: Neben dem Wurftraining, muss man auch die „Rollstuhlskills“ trainieren. Also schnelles Abbremsen, schnelle Drehungen. Wir spielen in speziellen Sportrollstühlen, die sind viel wendiger als beispielsweise Alltagsrollstühle.

Bei mir wuchs mein Respekt vor den Leistungen der motorisch eingeschränkten MitspielerInnen noch weiter. Es ist ein großer Unterschied, ob man komplette Rumpfmuskeln hat oder nicht. Man kann sich drehen, um den Ball zu fangen oder den Rollstuhl mit der Hüfte lenken. Am Anfang bin ich überhaupt nicht klargekommen, wenn ich mich an meine ersten Versuche im neuen Sportgerät zurückerinnere. Aber Übung macht den Meister. Man braucht eine ganz andere Körperbeherrschung, eine andere Koordination. Und man braucht die Hände eben nicht nur, um den Ball zu beherrschen, sondern auch um den Rollstuhl zu bewegen. Gleiches gilt fürs Racing.

Über ein Jahr hat es gedauert, bis ich mich einigermaßen gekonnt auf den Rollen über das Spielfeld bewegen konnte. Ich war eine total lahme Ente, unbeweglich, kam nicht schnell in die andere Spielfeldhälfte, konnte leicht geblockt und aus dem Spiel genommen werden. Aber Aufgeben war keine Option, der Ehrgeiz war geweckt: Ich wollte das unbedingt lernen. Das ist mir mittlerweile gelungen. Inzwischen trainiere ich jeden Tag und spiele im Verein. Am Anfang trainierte ich in München, nun bin ich Vereinsmitglied beim RSV Lahn Dill.

Lars Klaus Aßhauer